Rouge sur blanc - Sebastianplatz, 1962

Eröffnungsrede in der Galerie Springer, Berlin (Otto Mauer 1960)

Dass alles in Bewegung ist (Axiom schon des Heraklit), stellt das Grundbewusstsein eines Zeitalters dar, das in der Beschleunigung des Weltlaufes mit instinktiver Vehemenz einem unbekannten Ende zustrebt. Der Mensch ist kein Fertigprodukt der Schöpfung (fertig verlassen nur Maschinen den maschinellen Produktionsprozess): er ist ein dynamisches Wesen, das an der Evolution des Ganzen Anteil nimmt. Natur entwickelt sich nach Gesetzen, denen sie unterliegt; der Mensch bestimmt und entscheidet selbst im Rahmen seiner vorgegebenen Natur. War die Organisierung des Zufälligen, die Bändigung des chaotisch Bewegten und Geworfenen zum Kosmos, das geistige Anliegen des Tachismus, so liegt in den dynamischen Gebilden Markus Prachensky’s eine vorsätzliche Demonstration des Willentlichen, das mit weitausholendem Gestus die feurige Natur des menschlichen Geistes bezeugt. Damit das frei Schweifende nicht der Willkür verfällt und ins Ausschweifende entartet, verdichtet es sich, immer auf’s Neue, zu strukturierten Figuren, zu Zeichen, die wie Schriften, durch den geistigen Rhythmus ihrer Bewegung, Gehalt und Bedeutung erkennen lassen (est ingenere signi, kann von der Kunst als solcher gesagt werden). Der Mensch ist physisch ein minimales, in einem schier unendlichen Kosmos verlorenes, dem Zugriff des ständig griffbereiten Todes, ausgesetztes Wesen. Trotzdem gibt er dem unerforschten, unbezwingbaren Ganzen, Sinn und Bedeutung. Er ist das singuläre Wesen, das sich selbst versteht, sich selbst bewegt. Der dramatische Charakter des Entschlusses, der die ethische Existenz des Menschen und seiner Geschichte begründet, reift in der Bewegtheit dieser Bilder, die von der Freude der ersten Schöpfungstage erfüllt sind; im Enthusiasmus einer einzigen Farbe schwelgend, asketisch und berauscht zugleich, sagen sie als Zeugen für das fundamentale Faktum aus, dass Leben und Geist dasselbe sind.

Otto Mauer, 1960