Rouge sur blanc, 1957

Starke Lebenszeichen (Otto Breicha, 2002)

Die bisherige Biographie des inzwischen Siebzigjährigen ist einigermaßen aufgearbeitet und überblickbar: Das anfängliche Herumzigeunern und schließliche Seßhaftwerden, die verschiedenen Aufenthalte da und dort (nach denen die jeweils entstandenen Bilderserien benannt sind), die vielen Ausstellungen und bestimmenden Reisen. Mit einer Genauigkeit, die ihm eigentlich gar nicht liegt, hat Markus Prachensky das aufgezeichnet, indem sein Leben und Erleben in sein Bildmalen ein- und aufgegangen ist. Nichts soll verloren oder vertuscht werden, soll sein, wie es gewesen ist.

Siebzig Jahre, in denen alles Mögliche passiert ist um diesen Maler und sein Werk. Wie sein Vater, ein Maler und Architekt, studierte Markus Prachensky zunächst einmal Architektur, um aber Maler zu werden. In den frühen fünfziger Jahren hat sich alles dazu ergeben: wichtige Freundschaften wurden geschlossen und einschlägige Verbindungen geknüpft. Bald einmal bewegte sich der noch nicht Fünfundzwanzigjährige in der Wiener Szene wie in Fisch im Wasser. In seinem ersten eigenen Atelier entstanden 1954 zuerst noch geometrische Bilder, Konstrukte, die aber alsbald ins Spontane und Freizügige gelockert wurden. Von Anfang an gehörte Markus Prachensky (zusammen mit Wolfgang Hollegha, Josef Mikl und Arnulf Rainer) zur Künstlergruppe, die sich um die neu gegründete Galerie St.Stephan des Dompredigers Otto Mauer bildete. Den Hervorbringungen dieser Künstler widmete Werner Hofmann, der nachmalige Direktor des Museums des 20.Jahr-hunderts in Wien, 1957 eine umfängliche Präsentation im Rahmen der Wiener Secession. Von Wien aus zog man auch ins Ausland bis nach Paris. So lebte und arbeitete Prachensky (anders als seine in Österreich gebliebenen Künstlerfreunde) zwischendurch in Paris, Stuttgart und Berlin, um sich dann 1967 für geraume Zeit ins Amerikanische wegzubegeben.

Bis dahin hatte Markus Prachensky ein nicht unwichtiges Stück neuere österreichische Kunstgeschichte miterlebt (und auf seine Art mitbestimmt). Was hat sich nicht alles seit der Zeit um 1950 herum ereignet und zugetragen: der österreichische Ableger des Internationalen Art Clubs erlebte mit seinen Aktivitäten im sogenannten “Strohkoffer” (im Souterrain der berühmten Loos-Bar) seine erregendste Phase. Um etwas gemeinsam zu bewirken, war man zusammengerückt, Abstraktmaler und sogenannte Surrealisten, Verfechter des Kubischen ebenso wie Spätexpressionisten neben- und miteinander. Nach ein paar hypertrophen Jahren war es damit vorbei. Man strebte auseinander und suchte den bewußten “eigenen Weg”. Die paar wenigen Galerien (an den Fingern einer Hand herzuzählen!) vertraten, wenn überhaupt, Zeitgenössisches im Hinblick auf die mehr oder weniger prominenten Ergebnisse aus dem ersten Viertel des Jahrhunderts. 1954 reaktivierte Otto Mauer die vormals “Neue Galerie”?, die vor dem Krieg eine erste Adresse im Wiener Kunstleben gewesen war.
Zumal mit dem Eintreten für das Künstlerkleeblatt Hollegha /Mikl/ Prachensky/ Rainer widmete man sich zunehmend dem Zeitgenössischen im Sinn der damals grassierenden Neukunst. Informelles war angesagt, eine mehr oder weniger freie Malerei diesseits und jenseits des Gegenständlichen. Einer, der diese Absicht spektakulär verkörperte war Markus Prachensky. Rot wurde alsbald seine geradezu ausschließlich benützte Lieblingsfarbe, vehemente Pinselmanöver seine erklärte Spezialität. Rote Farbe auf schwarze, weiße und graue Malflächen geschüttet oder sonstwie spontan aufgetragen, bedeutete eine unmethodische Bildnerei, durchaus in Übereinstimmung mit dem, was in der weiten Welt fortschrittlich zugange war, doch auch signifikant auf eine besondere Art.
Ebenso wie die Aktivitäten bei St.Stephan Impulse von anderswoher vermittelten, blickte man nach auswärts weiter. Auch die nächste Generation noch orientierte sich an dem, was in der Grünangergasse gezeigt wurde. Für die sogenannte moderne Kunst nach 1945 waren die fünfziger Jahre eine gewissermaßen “heroische” Phase, indem man nach etwas trachtete, was über die Vorstellungen und Methoden der “Klassiker” hinausging. Malerei als Aktion, als impulsive Vergegenwärtigung und starkes Lebenszeichen, das alles ist in das Malverhalten der Prachensky-Bilder der späteren fünfziger Jahre ein- und aufgegangen. 1959 gab es die Vorführung einer ersten “Peinture liquide” im Wiener Theater am Fleischmarkt (wie sie dann Hermann Nitsch, stark beeindruckt, auf seine Weise und für seine Zwecke beherzigt hat). Für eine Ausstellung 1960 in seiner Stammgalerie St.Stephan entstand die zehn Meter breite Mal-Wand als ein schon allein durch seine Ausmaße höchst beachtliches Bildergebnis.

Aber auch forthin bleibt im Werk des damals noch nicht Dreißigjährigen manches beträchtlich “im Fluß”, je nachdem von Befindlichkeiten und Stimmungen abhängig. Nach wie vor ist die Farbe ein wichtiger (wenn nicht der wichtigste!) Bestandteil seiner Malerei, das Rot aber nur eine Möglichkeit unter mehreren. Nach wie vor ist die Malerei, die da entsteht, ungegenständlich (und nicht “abstrakt”!). Prachensky verallgemeinert nicht, was er sieht, doch gibt es allerhand Abbreviaturen von Wahrgenommenem, Anspielungen auf architek-tonische Details, Reminiszenzen auf dies und das, was ihm auf seinen Reisen kennzeichnend begegnet ist, gewisse Grundrisse und Fassadendetails, Säulen und Friese. Vorrangig ist ihm ein Bild ein mit Farben bedecktes Stück Malfläche, die als eine solche zu sehen und zu erleben ist, ohne zugleich etwas groß zu “bedeuten”. Damit ist er in guter, man könnte meinen: in bester kollegialer Gesellschaft. Manche noch vor vierzig Jahren wichtige Unterscheidungen sind unwichtig, ja sinnlos geworden: die Lager, die gegeneinander ausgespielt worden sind, samt alledem, was eine ausgesprochen “junge” Kunst zu einer solchen macht.

Ein halbes Jahrhundert Kunstausübung haben auch Prachenskys Situation und die Einschätzung seiner Bilder relativiert. Es kommt nicht darauf an, einer zu sein, auf den es ankommt, der irgendwo in dem vorderen Bereich auf- und mitmischt. Gerade in seinem Fall wurde früh und flott etikettiert. Der Umstand, daß er Rot auf schwarzen Grund malte, genügte, ihn zu einem Stendhal der neuen Malerei zu stilisieren. Zwar hat es mit dem Rot bei ihm eine besondere Bewandtnis, wie sich andere dem Schwarz oder Blau verschrieben haben. Stets malte und malt Prachensky eine leidenschaftlich lebensvolle, lebendige Malerei, intensive Chiffren für intensives Vorkommen. Als Zeichen dafür, wie da einer unumwunden “von seiner Zeit ist”. So wie die Musik des Jazz, die er liebt (und nach der er malt), als die bestimmende Musik des Jahrhunderts gilt, in dem der Maler Prachensky wurzelt, aus dem Augenblick geschaffen, spontan und zugleich genau, mitreißend und rhythmusversessen, zugleich oberflächlich, aber mit Gefühl. Ein großer “Wurf” als die Veränderung des immerzu Gleichen, aber auf eine besondere Art und Weise, die es jeweils ein wenig anders dafürsteht.

Otto Breicha, 2002