TEXTE & MANIFESTE
FARNESINA DIXIE
Die Villa Farnesina war das Haus, das Agrippa, Freund und Gefährte von Augustus, für dessen Tochter Julia, anlässlich seiner Hochzeit mit ihr, errichtete.
Das Haus stand in Trastevere, Agrippa baute eine eigene Brücke über den Tiber, da Trastevere nicht zu den bevorzugten Adressen der erfolgreichen und mächtigen Familien Roms zählte.
Trotz der Tatsache, dass die Villa herrliche Fresken aufwies, zum Teil auf wunderschönem grauen Grund, der mich zu meiner Serie Farnesina Dixie inspirierte, wurde sie nur kurze Zeit bewohnt und schliesslich sogar vergessen. Erst im späten 19. Jahrhundert entdeckte man die Villa wieder, grub sie aus und transferierte die Fresken ins Museo Nazionale Romano im Palazzo Massimo alle Terme.
Grau als Untergrund für meine einfärbig und mehrfärbig roten Bilder beschäftigte mich schon in den Jahren 1960 – 62. Ausgelöst wurde die Idee in meinem Kopf durch einen Besuch im Louvre in Paris, wo mich Fragmente römischer Fresken und Mosaike auf grauem Grund sehr beeindruckten.
Die auf den Bildern gezeigten Motive entstanden durch meine
An-Sicht römischer realer und gedachter Bauten sowie die Symbolik der römischen Götterwelt, die mir – obwohl Agnostiker – sehr lebendig, vielseitig und auch humorvoll erscheint.
Markus Prachensky, 2006
SENATVS CONSVLTVM
S.C. – diese zwei Buchstaben findet man auf den Revers-Seiten aller römischen Münzen. Sie bedeuten, dass diese vom Senat genehmigt, mit Erlaubnis des Senats geprägt wurden.Die Ideen für die Bilder der Serie Senatus Consultum entstanden durch Römisches, Selbstgesehenes, Erlebtes und Geschautes, sowie durch das Betrachten dieser MünzenDie Bilder selbst sind jedoch frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit realen Objekten ist rein zufällig.
Markus Prachensky, 2005
SENATVS POPVLVSQUE ROMANVS
S.P.Q.R. – der Senat und das Römische Volk – überall in der Stadt, der ich mich seit meiner Jugend verbunden fühle, findet man diese Inschrift.
Immer war ich begeistert von Rom, seinen Bauten, seinen Hügeln, der Umgebung, dem Ernst und der Fröhlichkeit der Stadt. Der Reiz der Antike, der sich zuerst scheu verweigert, dann sich dem Wissenden aber mehr und mehr erschliesst, ist ein Faszinosum, dem ich im Lauf der Jahre erlegen bin – wissentlich und voll Absicht.Das Studium der Geschichte der Stadt von der Republik bis zu den Caesaren, von den Einflüssen anderer Völker und Kulturen, von den Griechen zu den Etruskern, schärfte meine Sinne, mein Auge und mein Wissen. Nie konnte ich nordische Heldensagen lesen und ertragen, doch als Atheist labe ich mich an der überzeugenden, bösen aber doch spielerischen griechisch-römischen Götterwelt.Sie sind mir sehr vertraut, die alten römischen Bauten, angefangen vom gigantischen Colosseum und Pantheon bis hin zu den kleinen Tempelchen und den zahlreichen Ruinen und Halbruinen der Domus Aurea des Nero, der Area Pacis des Augustus, des Forum Romanum, des Palatin, der Foren des Trajan und des Hadrian.Ich kann und will nie mehr den Blick vergessen, den man vom Capitol aus über das Forum Romanum hat, nie mehr den von den anderen Hügeln, die ich Dutzende Male erstieg, jede Säule, jeden Stein der Stadt erobernd.Ich kenne den Glanz und den Niedergang der Herrscher, deren Grösse,
Triumphe und Wohltaten, aber auch deren Exzesse, Verrohung und
Grausamkeiten. Schon prima vista wusste ich, dass mich diese Stadt verschlingen würde – und sie tat es auch. Ich blieb übrig als Lìebhaber und Maler und, wie ich glaube, als Chronist Roms aus meiner Sicht, wohl weniger wissend als Theodor Mommsen – aber besser
sehend als Goethe oder Seume.
Egal wo auf der Welt ich mich gerade befand, lebte ich seit meiner Jugend in Rom. Jetzt lebe ich in Rom, obwohl ich mich in Wien befinde und hier male, hier fresse ich fröhlich in mich hinein Rom, die Römer, die römische Küche, trinke die römischen Weine, lese die Geschichte des römischen Weltreichs, der römischen Weltsicht, und bin froh, nicht ein strenger und züchtiger Grieche sein zu müssen.
Markus Prachensky, Dezember 2004
ES GIBT KEINE KLUFT ZWISCHEN LEBEN UND BILD
Das Auffinden von in der Natur Verborgenem, oder mehr noch das Schaffen von
der Natur Ebenbürtigem ist nur dem möglich, der das Leben in seiner Ganzheit erschaut und erfährt und der keinen Abstand lässt zwischen sich und der Malerei.
Markus Prachensky, 1976
IST UNGEGENSTÄNDLICH ABSTRAKT?
Es gibt keinen Maler, der nicht - im vollen Bewusstsein oder unwillentlich sein imaginäres Museum mit sich herumschleppt.
Erweitern möchte ich den Begriff „imaginäres Museum“ um das, was sich
dem sehenden und wertenden Menschen ausser den ihn persönlich seit seiner Jugend beeindruckenden ( und wohl auch beeinflussenden) Bildern noch an Erkenntnissen, Landschaften, Situationen, Büchern, Menschen, Meeren, Philosophien, Stimmungen, Kontinenten, Kontrasten, Konzeptio-nen, Qualen, Quellen, Tönen, Märchen, Träumen, Schreien, Berührungen, Kriegen, Blicken, Lieben, Kosmen, Hügeln, Ebenen, Schrecken, Lacken, Flecken, Freuden tief eingegraben hat.
Dies alles, mühsam durch die Ratio geordnet - zugleich triumphierend getrieben und geängstigt gebremst - ergibt das Bild.
Ist ungegenständlich abstrakt ?
Markus Prachensky, 1976
MANIFEST DER MALEREI
Da wir uns heute in der Zeit der sich rapide entwickelnden Technik, der Erforschung des Weltraums und ähnlicher Inventionen befinden, glaubt ein Teil der Künstler, in ihrer Kunst diese Tendenzen und Entwicklungen primär sichtbar machen zu müssen. So entstehen in den letzten Jahren ganze Reihen von “Kunstwerken”, die wiewohl von biederen, der Avantgarde aufgeschlossenen Galerien exponiert, doch eher in technische Laboratorien, in die Werkstätte des industrial designers oder auf die Zeichentische verbockter Bauhausepigonen gehören.Die maximale persönliche Beteiligung am Entstehen eines Kunstwerkes ist nach wie vor unerlässlicher Bestandteil der Kreation. Zwischen technischer Invention und künstlerischer Kreation zu unterscheiden, sollte Künstler, Kunsthändler und Sammler gleichermassen interessieren. Nicht Anonymität des Künstlers, nicht Kollektiv der Idee, nicht intellektuelle Berechnung oder para-technische Erfindung, nicht ein antiseptischer Abzug sind gefordert, sondern wirkliche Malerei mit allen Höhen und Tiefen des Lebens und der Spiritualität - enfin “retournons á la peinture.”
Markus Prachensky, 1961
ARCHITEKTUR MIT DEN HÄNDEN
Die Zeit ist reif, die Architektur ernst zu nehmen, alle Scherze beiseite zu lassen und die verspielte Leichtheit der Bauhausära endlich zu überwinden. Die Architektur als Kunst hat mit Funktion nichts zu tun. Funktionelle Architektur ist angewandte Kunst. Jeder Mensch soll seine eigene Architektur machen, soll seine Hände dazu benützen, seine Architektur zu formen, zu kleben, zu graben, zu kratzen, zu klammern, zu schüren, zu scherren und zu beissen aus Federn, Bäumen, Gras, Papier, Erde und Heu.
Markus Prachensky / Arnulf Rainer, 1958
MANIFEST DER MALEREI
Anbetracht des Konstruktivismus und Tachismus als den sogenannten polaren Grenzen der heutigen Malerei in formaler Hinsicht - die gegenständlichen Richtungen, die durch die gegebenen Assoziationen und Agnostizierungen endgültig beeinträchtigt sind, ausser Acht gelassen - kann ich mein Anliegen klar aussprechen. Ich sehe die Möglichkeiten unserer Malerei - konform mit denen der Geisteswissenschaften und der Technik - in einer Gestaltung aus durch äusserste Konzentration ge-wonnenen Intuitivkräften und in dem Aufspüren, Ertasten und Finden geistiger Realitäten ausserhalb der drei Grunddimensionen.
Markus Prachensky, 1957